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06.05.2020 | Interview - Die Situation in unseren Werkstätten

Wie ist die aktuelle Situation in den Werkstätten des SBW?
Es gilt ja ein behördliches Betretungsverbot für die Menschen mit Behinderung in den  Werkstattangeboten. Wir haben also derzeit keine Beschäftigten vor Ort und es werden keine externen Aufträge erfüllt. Es ist sehr ruhig in den heiligen Hallen und ähnelt ein wenig einer „Geisterwerkstatt“.
Die Mitarbeiter führen eine Betreuung „am anderen Ort“ durch und halten auf verschiedenen Wegen Kontakt zu jedem Einzelnen. Die Gruppenleiter telefonieren regelmäßig mit „ihren“ Leuten. Der Reha-Dienst meldet sich mindestens einmal die Woche. Bei Bedarf finden persönliche Treffen statt. -Natürlich im Freien und auf Abstand.
Wir wissen, dass die Situation für unsere Beschäftigten teilweise sehr schwierig ist und bemühen uns in Abstimmung mit den Behörden (dem Freistaat Thüringen und der Stadt Jena) und unter Beachtung der Hygienevorschriften eine schrittweise Wiedereröffnung bzw. Notbetreuung möglich zu machen.

Wie sehen Sie die Chancen eines Normalbetriebs, und wann?
Das ist derzeit leider noch nicht absehbar. Wir müssen abwarten, wie sich die Pandemie weiter entwickelt. Das wird sicher noch viele Wochen dauern, falls der „Normalbetrieb“ überhaupt noch in diesem Jahr möglich wird.

Welche Perspektive für eine Öffnung sehen Sie denn?
Ich sehe eine Möglichkeit der Teilöffnung. Zunächst ohne Menschen aus den Risikogruppen, in Kleingruppen und mit angepassten Fahrdiensten. Dies bedarf einer ganz individuellen Organisation – und natürlich der Genehmigung durch die Behörden.
Eine solche Öffnung wäre wohl zunächst für "unabhängige" Beschäftigte möglich und müsste voraussichtlich zunächst ohne Bewohner aus besonderen Wohnformen erfolgen. Für diese besonders gefährdeten Einrichtungen gilt ja ein Besuchsverbot und Außenkontakte müssen vermieden werden.

Wie wird das Notangebot genutzt?
Bisher gab es nur den Bedarf für eine Notbetreuung, die wir in unserer inklusiven Kita Leutragarten umgesetzt haben. Seit 4. Mai startet langsam eine Notbetreuung für Menschen mit rein psychischen Erkrankungen per Sondergenehmigung auf Außenarbeitsplätzen – insgesamt habe ich im Bereich der Außenarbeitsplätze meine größte Hoffnung auf ein wenig „Normalität“ für unsere Beschäftigten.

Wie ist die Situation für die Beschäftigten? Werden Entgelte weiter gezahlt?
Die Situation ist sicherlich nicht leicht und für einige recht schwierig -auf verschiedenen Ebenen: Viele sehnen sich nach der Arbeit und dem regelmäßigen Tagesablauf. Auch Viele, die sich damit bislang schwerer getan haben, sehen nun den Wert der täglichen Arbeit und Aufgabe. Die Menschen vermissen insbesondere das Miteinander und ihr soziales Umfeld.
Wenn man sich konkret das Finanzielle ansieht: Der Grundbetrag wird weitergezahlt, ebenso das Arbeitsförderungsgeld, aber die – für viele sehr wichtige – Leistungszulage kann derzeit nicht gezahlt werden. Für diese Lohnzahlungen fehlen leider die Einnahmen aus der Werkstattarbeit, da unsere Beschäftigten derzeit keine Leistungen für Kunden erbringen können. Im Sinn unserer Beschäftigten wünschen wir uns hier eine Art staatliche Kurzabeiterregelung, denn die Situation stellt einige vor große Herausforderungen.

Zum Abschluss eine etwas persönliche Frage: Was nehmen Sie für sich aus der Krise zum aktuellen Zeitpunkt mit, bzw. Worüber haben Sie sich gefreut?
Ich freue mich, dass die Betreuung am anderen Ort so zügig und gut aufgenommen wurde. Das Personal hat die veränderte Aufgabe sehr gut angenommen und macht aus den schwierigen Umständen das Beste für unsere Beschäftigten. Außerdem bin ich stolz, wie gut und schnell wir die Produktion der Nasen-Mund-Bedeckungen in der Werkstatt organisieren konnten. Wir haben in einem tollen Team, mit viel ehrenamtlicher Unterstützung gut 1.500 Behelfsmasken genäht und damit erstmal unsere eigenen Einrichtungen, Mitarbeiter und Beschäftigte ausstatten können. Darüber hinaus konnten wir einige Masken anfertigen, die durch unsere Beschäftigten in der inklusiven Wohnanlage Gartenhof einzeln foliert wurden und nun zum Verkauf angeboten werden. So können sie und wir alle der Stadt etwas zurückgeben für die große kurzfristige Unterstützung, die wir rund um die Einführung der Maskenpflicht erfahren haben.